Aus den Anfängen der Poppelsdorfer Schule
Aus der SIGNAL-Reihe "ZWISCHEN MELB UND WEIHER", erschienen in Ausgabe 1984

Kurz vor Beginn der großen Ferien wurden zwei verdiente Lehrerinnen an der Clemens-August-Schule, Frau Rektorin Giesen und Frau Glaser, in feierlicher Form aus dem Schuldienst verabschiedet. Wie mag es nun mit unserer Grundschule weitergehen? Was wird uns der zweifellos beginnende neue Abschnitt der Schule bringen? Wird sie überhaupt bestehen bleiben können oder muß auch sie eines Tages wegen geringer Kinderzahl aus unserem Ort verschwinden! Wir wären ja nicht der einzige Stadtteil, dem dieses Schicksal widerführe.

Das gibt so allerlei Gedanken, und folgerichtig kommt man zu den Anfängen einer solch enormwichtigen Einrichtung, wie es eine Schule ist. Leider wird das nicht immer erkannt; aber sage einer, was er will, eine gute Schule ist wichtiger als ein Finanzamt.

Glücklicherweise sind wir über die Jugendzeit der Schule Poppelsdorf nach den Unterlagen im Stadtarchiv gut informiert. Manch andere Schule wäre über einen solchen Quellenstand froh, Die Quellen beginnen allerdings erst ab 1815 zu fließen, aber dafür gibt es gute Gründe.

Preußische Ordnung

1815 war das Rheinland, also auch das Kurfürstentum Köln, an Preußen gefallen und damit in die Hand eines strengen Regiments, dem aber Gottseidank an einer guten Ausbildung der Jugend sehr gelegen war, gelegen sein mußte.

Man darf aber nun nicht annehmen, daß die Ordnung des Schulwesens sofort im Sommer 1815 angefangen hätte. So schnell schossen auch die Preußen nicht. So blieb auch nach Übernahme durch Preußen der bisherige Lehrer der Poppelsdorfer Jugend im Amte, Theodor Buchmüller (oder Bachmüller wie man auch lesen könnte). Lehrer Buchmüller hat mehrere Eingaben und Schriftstücke hinterlassen, die einen wirklich einmalig anschaulichen Einblick in die Verhältnisse gewähren und sie daher so wertvoll machen.

Buchmüller war am 11. Dezember 1771 als Sohn eines kurfürstlichen Rheinzollbeamten in Bonn geboren und hatte die Schule der Recollecten in Andernach besucht, das ja zu Kurköln gehörte. Nach Beendigung der Schule gab er ein Jahr lang dort Privatunterricht und kam dann nach Kasbach bei Linz, ebenfalls kurkölnisch, und im Jahre 1806 nach Poppelsdorf. 1818 wurde er aus dem Amte entlassen. Aber das ist wieder eine kleine Geschichte für sich, die auch erzählt werden wird.

Am 28. August 1815 richtet Theodor Buchmüller ein Schreiben an "Bürger Meister Balbiano des Amtes Poppelsdorf". Es geht, wie öfter bei Schreiben an höhere oder höchste Stellen, um die Frage, besser die Bitte, ob es denn nicht möglich sei, dem Lehrer ein höheres Einkommen zu gewähren Um seine schlechte finanzielle Lage zu begründen, holt Buchmüller weit aus, schildert die ganze Situation der Schule und Schüler und gibt damit ein überaus anschauliches Bild aus dem Dorf im Jahre 1815,

Zur Zeit des Briefdatums hat Buchmüller 31 Schüler, nämlich 18 männlich und weiblich wie er schreibt. Aber im Sommer kommen deren kaum 20 zur Schule. An eine strenge Wahrnehmung der Schulpflicht dachte man also auch in Poppelsdorf noch nicht. Dieser Zustand sollte sich in den nächsten Jahren auch nicht ändern, wie die Klagen des Nachfolgers beweisen. Das hing wohl weitgehend mit der Feld- und Gartenarbeit daheim oder mit der Arbeit in der Fabrik zusammen. Jeder ältere Leser wird sich noch gut der sogenannten Kartoffelferien im Herbst eines jeden Schuljahres erinnern, die auf der Freigabe der Kinder zur Kartoffelernte beruhten und in ländlichen Bereichen bis nach dem Krieg zu diesem Zwecke genutzt wurden.

Sechs Stunden Unterricht gab Theodor Buchmüller täglich. Von morgens 8 bis 11 Uhr und des Nachmittags von 1 bis 4 Uhr. "Meine Schüler sind in drei Klaßen eingetheilt, ich unterrichte sie täglich in obigen Wißenschaften und ertheile ihnen einmal in der Woche cathechetischen Unterricht, nur jeden Donnerstags des Nachmittags pflege ich Spieltag oder Vacanz zu geben."

Die Wissenschaften von denen der Lehrer schreibt, sind folgende:

"a) Buchstaben Kenntnis,

b) Buchstabieren und Syllabieren (also Silbentrennung)

c) Lesen

d) recht und schön schreiben 

e) anfangs Gründe zur Rechenkunst, als die so genannte 4 Species (addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren) und Regel Detri (Raumlehre). Ein weiteres wurde mir von den Commißarien in der Prüfung zu wißen nicht abgefordert."

In den Unterlagen ist zu diesem letzten Punkt nichts Handschriftliches gesagt. Aber es sieht so aus, als habe man sich später an der mangelnden Ausbildung Buchmüllers gerieben und seine Prüfung als nicht genügend betrachtet.

Vorerst berichtet der Lehrer jedoch weiter und führt auf, mit welchen Lehrmitteln er arbeiten müsse. Da ist die Rede von "a b c Täfelger Münsterisch abc", Buchstabierbüchern, Catechismus. Evangelienbüchern, Elementar- und Lesebüchern.

Notdürftig eingerichtet

Die Einrichtungsgegenstände waren nun wirklich bescheiden. Selbst jene Leser, die
den heutigen Schulen allzu großen Lehrmittelaufwand vorwerfen, hätten an der mehr als notdürftigen Einrichtung der Schule auch keine Freude. "In dem Schulhauße befinden sich an Schulutensilien fünf Bänke, welche zum Sitzen und Schreiben für die Jugend eingerichtet sind, dann ein Ofen zum Einheizen in den Wintermonathen, wozu die Zöglinge das erforderliche Holz mitbringen müßen!' Von einer Tafel z. B. ist nicht die Rede. Diese Angaben hat Buchmüller in einem größeren Bericht zusammengestellt, den er am 19. März 1817, also zwei Jahre später, verfaßte.

Nun zurück aber zu dem Anlaß des Schreibens an Bürgermeister Balbiano. Es ging um Geld und Einnahmen. Der Lehrer schrieb damals: "Meine Einnahme für diesen Unterricht besteht für jeden Schüler per Monat aus 6 Stüber. Jene aber, welche nur mit halben Tägen zur Schule kommen, zahlen nur 3 Stüber.

Meine Wohnung, worin zugleich der Unterricht gegeben wird und das gemeine Schulhauß (das soll Gemeinde- Schulhaus bedeuten) ist, wie gemeinkundig (also der Verwaltung bekannt) in äußerst schlechtem und bedrangtem Zustande!" Danach hat es also ein Schulgebäude gegeben, über dessen Lage im Ort nichts gesagt wird. Vielleicht lag es, wie damals und auch heute noch üblich, in der Nähe der Kirche. Das wiederum hing mit eingen besonderen Umständen zusammen. Die Schulaufsicht, das heißt die Inspection, lag meist in den Händen der Pfarrer; Buchmüller schreibt: "nebst dem Schuldienste versehe ich zugleich den hiesigen Kirchendienst als Ofer (Opfer) Mann (das heißt als Küster)."

Der Lehrer als Küster und, falls des Orgelspiels kundig, Organist der Gemeinde. Man sollte über die Kombination nicht unbedingt lächeln, denn sie wird noch häufig genug, zumindest in ländlichem Raum in der Zusammenstellung Lehrer und Organist, auch Chorleiter, praktiziert. Orgelspielen konnte Buchmüller wohl nicht, sonst hätte er das erwähnt.

Aber dafür hatte er noch andere Einkünfte. Die Gemeinde hatte ihm nämlich "Zwey Grundstücker` überlassen, das erste der "Schützengraben" (war vielleicht am späteren Schützenhof an der heutigen Lotharstraße gelegen) und das andere der "Landgraben" genannt (Landgrabenweg!), "welches ich bis hierhin verpachtet für jährliche 42 francs." Von diesem Stück jedoch, so geht der Bericht weiter, wurde dem Lehrer der beste Theil" auf Anordnung der Bürgermeisterei wegen Einrichtung einer Baumschule entzogen. Dafür erhielt er aber eine Entschädigung in Höhe von 12 francs und außerdem nochmals 10 francs als zusätzliches Geld für den Lehrer.

Fabrickbuben

Um diese Einkünfte zu verbessern, hatte Buchmüller angeboten, die "Fabrickbuben" zu unterrichten. Mit diesen Fabrickbuben sind jene armen Kinder im schulpflichtigen Alter gemeint, die der häuslichen Armut wegen in der Poppelsdorfer Fayencefabrik arbeiten mußten, um dort für die Familie zu verdienen. Man nennt das heutzutage Kinderarbeit, die damals leider in Europa gang und gäbe war. Kinder wurden eingesetzt, wo immer es möglich war, um Löhne zu sparen. Sie arbeiteten in Gruben und Fabriken, auf großen Gütern und in Mühlen. Da sie oft genug schonungslos ausgenutzt wurden, wurden sie häufig bereits in jungen Jahren unheilbar krank, siechten dahin und starben früh.

Spürbar besser wurde das in Preußen erst durch das Militär. Denn erst als die Musterungskommissionen sich über den schlechten Gesundheitszustand und die körperliche Verfassung der Rektoren beschwerten, wurde man höheren Orts hellhörig und einsichtig. Von diesen "Fabrickbuben" in Poppelsdorf schrieb Buchmüller: "welche vor morgens früh bis 12 Uhr und nachmittags von 1 bis 7 Uhr die Fabrick frequentieren müßen". Die "Buben" hatten natürlich keinen Unterricht, konnten also weder lesen noch schreiben. Daher bietet der Lehrer an, "er wolle sie von 7 bis 8 abends unterrichten, und zwar für 15 Centimes pro Monath, nebst Feuer und Licht". Die Antwort auf dieses Angebot besitzen wir nicht.


Dafür erfahren wir aus den Unterlagen, daß Buchmüller am 25. Oktober 1818 aus seinem Amte entlassen worden ist. Er war bei einer Prüfung durchgefallen, der Herr Kreissekretär (ein höherer Beamter der Regierung) "war äußerst unzufrieden". An seine Stelle trat Caspar Wiel aus Blankenberg (Sieg), dessen Name in Poppelsdorf durch den Namen des Wielsgäßchens festgehalten wird. Am 25. October 1818 trat der junge Caspar Wiel die Stelle an, die er mehr als dreißig Jahre lang innehatte.

Zur Kirmes schulfrei

Mit einem Schlage besser wurde die Situation in Poppelsdorf dadurch nicht. Allerdings bekam Wiel ein festgesetztes Gehalt, 65 Thaler und 15 Groschen (die Währungen bestanden damals noch aus französischem Geld, kurkölnischem und zuletzt erst preußischem Geld) und erhielt einen anderen Schulraum, den man von dem Bäcker Andreas Walbröhl junior pachtete, der das Haus Nr. 45 im Ort bewohnte. Während der Kirmes fiel die Schule aus, da der Saal zum Feiern benötigt wurde.


1820 besuchen von 79 schulpflichtigen Kindern im Dort 50 die Schule, 29 Kinder gehen nicht. Fünf gehen nach Bonn zur Schule. 15 Kinder hatten, wie Wiel berichtet, eine Ursache, nicht zu gehen. Vielleicht arbeiteten sie auf der "Fabrick" vielleicht waren einige ansteckungsgefährdend krank. Neun hatten keine Ursache, nicht zu gehen, berichtet Wiel weiter (schwänzten also), und sieben Kinder von diesen neun sind arm. Das Schulgeld, das die Eltern zahlen mußten, war nach dem Einkommen gestaffelt. Vier Groschen für ein Kind pro Monat war 1820 der Satz, die meisten Eltern zahlten aber nur drei Groschen, und ein gutes Viertel, nämlich 16 Kinder beziehungsweise deren Eltern zahlten nichts.

Nicht allen Eltern war der junge Lehrer Wiel genehm. Ein Herr Geberz zum Beispiel schickte seine Kinder zu einem Herrn Trevisani nach Bonn in der Hoffnung, andere Eltern würden dem Beispiel folgen, Wiels Unterricht blockieren und ihm so eins auswischen. Das taten die anderen aber nicht, und Herr Geberz schickte nunmehr aus Zorn ein Kind nach Bonn, das andere Kind aber überhaupt nicht mehr zur Schule.

Das waren noch Zeiten, kann man trocken kommentieren. (1984)

 

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16.06.01 01:42