Der Poppelsdorfer Bach ließ Fontänen springen
Aus der SIGNAL-Reihe "ZWISCHEN MELB UND WEIHER", erschienen im Jahre 1982


Der Poppelsdorfer Bach ließ Fontänen springen

Dass so ein kleiner und teilweise unscheinbarer Bach drei Namen hat, deutet auf eine bewegte Vergangenheit hin. Engelsbach, so wird er ja im öffentlichen Kataster geführt, kommt vom Ort seines Ursprungs her, denn er entspringt in einer Gegend am Venusberg, die ganz früher zum Kloster Engeltal gehörte. In einer Urkunde um 1443 wird diesem Kloster der Augustinerinnen, das in der Stadt in der Nähe der heutigen Engeltalstraße gelegen war, ein größeres Stück Land - 23,5 Morgen Busch in Poppelsdorf „in der melpen“ - verkauft.

Dort taucht der Wortstamm für „Melb“ auf, der auch „melp“ heißen kann. Er stammt aus dem Keltischen und bedeutet soviel wie trüb, lehmig. Das gibt einen Sinn, wenn man bedenkt, dass die Quellen unseres Baches den höheren Hängen des Venusberges entspringen. Es sind mindestens drei Rinnsale, die sich später zu einem Bächlein vereinigen. Eine Quelle quillt aus dem Boden in der Nähe der Waldau, eine andere aus der Gegend des Liebfrauenhauses und die dritte aus dem Ippendorfer Feld. Löss und Lehm trüben auch heute noch das Wasser nach heftigen Wolkenbrüchen. Trotzdem gab es bis zum Zweiten Weltkrieg in der Melb Forellen, die auch befischt wurden. Erst die Einleitung von Abwässern hat diese Bewohner vertrieben.


Blick auf Bonn vom Felsenkeller um 1845. Im Vordergrund befindet sich die obere Mühle

Es sei am Rande vermerkt: Venusberg klingt so verheißungsvoll römisch nach der Liebesgöttin, aber damit hat der Name nichts zu tun. In Venusberg steckt das Wort „Venn“. Das ist wiederum geläufig aus dem Hohen Venn der Eifel, was dort die hochgelegenen Moore bezeichnet.

Ehe der Bach Poppelsdorf erreichte und nun zum Poppelsdorfer Bach wurde, hatte er schon eine Menge Arbeit hinter sich. An seinem Lauf waren zwei Mühlen errichtet, um die Wasserkraft zu nutzen. Zuerst gab es die unterste Mühle, die schon 1450 schriftlich erwähnt wurde. Sie lag am heutigen Clemens-August-Platz und hat in Resten bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bestanden. Anfänglich diente sie als Getreidemühle, später zur Zeit der Wesselschen Manufaktur wurden dort die Materialien für die Glasuren gemahlen. Zu dieser Zeit war sie aber bereits auf Dampfbetrieb umgestellt und hatte den höchsten Schornstein Bonns. Die obere Mühle lag am heutigen Melbbad. Noch jetzt erinnert die Bushaltestelle oberhalb daran, sie heißt „Mühlenberg“, der dazu gehörige Flurnamen „Om Mölleberch“. Der Mühlenweiher hieß früher auch „Riesenpütz“. Dabei wird Pütz als Wasserpfütze oder auch Brunnen gedeutet wie in Pützchen.


Drei Bogen: Die Brücke am Gut Melb auf einem Gemälde von Johann Wilhelm Schirmer (um 1852).

Schon früh erkannten die Kurfürsten den Nutzen dieses Mühlenweihers. Er lag für sie günstig, weil er nicht nur frische Fische liefern konnte. Sein Wasser war sehr wichtig für die Bewässerung des Schlossgartens und vor allem für die Wasserspiele im Park des Poppelsdorfer Schlosses. Das Gefälle von dort oben reichte aus, um Fontänen springen zu lassen, um allerlei Wasserspiele rund ums Schloss zu betreiben und auch für die Wasserkünste im Grottensaal. Das muss früher eine Sensation gewesen sein, denn Zeitgenossen rühmten die Brunnen und Wasserkünste in diesem leider untergegangenen Saal, der sich an der Schlossfront zur heutigen Meckenheimer Allee erstreckte. Wahrscheinlich liegen heute noch Rohrleitungen von dort oben, die bei einem Höhenunterschied von mehr als 30 Metern den nötigen Druck bekamen.

Später, als die Universität Schloss und Park übernommen hatte, mussten sich die Pächter der Mühlen verpflichten, genügend Wasser für den Botanischen Garten und den Weiher abzuzweigen. Der Poppelsdorfer Bach musste mehrfach sein Wasser abgeben: Die Sternenburg wollte versorgt werden, denn auch sie hatte einen Wassergraben. Das kann man heute noch im letzten Stück der Rehfuesstraße sehen. Dort liegen die Eingänge zu den Wohnhäusern sichtbar tiefer, nämlich auf dem Grund des ehemaligen Burggrabens.

Über das weitere Schicksal des Poppelsdorfer Baches gibt es verschiedene Zeugnisse, die von seiner Beliebtheit als Melbbach zeugen: Der letzte Kurfürst Maximilian Franz, Sohn der Maria Theresia, ließ im Melbtal einen Englischen Garten anlegen, also einen gestalteten Landschaftsgarten. Von diesem ist kaum mehr etwas erhalten, vielleicht einige der alten Bäume. Ein halbes Jahrhundert nach ihm bemühte sich Professor Franz Hermann Troschel (1810 bis 1882) um die Verschönerung des Melbtales. An ihn erinnern der Troschelplatz mit dem Troschelstein und auch die Troschelstraße. Der Stein ist in jüngster Zeit von Mitgliedern der Initiative für die Erhaltung des Melbtales gereinigt und restauriert worden.

Ein weiteres bemerkenswertes Baudenkmal überquert weiter bachabwärts den Lauf. Es ist die dreibogige Brücke am Gut Melb. Sie ist künstlerisch verewigt auf einem Gemälde von Johann Wilhelm Schirmer (um 1852). Dieses Bild war gedacht für den preußischen Kronprinzen als Andenken an seine Studienzeit in Bonn. Heute hängt dieses Bild in der Staatsgalerie Karlsruhe.


In einem Stadtplan von 1869 ist das „Quantiusloch“ noch vermerkt, in das der Bach abgeleitet wurde.


Aufschlussreich sind einige Vermerke in der Schulchronik der Poppelsdorfer Schule ab 1860: Es geht um den ehemaligen Grottensaal im Schloss: „...In zwei Nischen des Saales sprangen kühlende Wasser, welche durch eine kostspielige Leitung durch bleierne Röhren, welche unter der Straße des Ortes lagen aus dem sogenannten Riesenpütz am Mühlenberg kamen  ... 1867 trat hierselbst die Cholera auf. Es scheint, dass dieselbe durch zwei Kinder aus Cöln, welche aus einem Hause, in welchem die Cholera mehrere Opfer gefordert, hierher eingeschleppt wurde. Eines der Kinder starb am zweiten Tage. Bald darauf wurde auch die Person, welche die Wäsche dieser Kinder im offenen Bache gewaschen hatte, von der schrecklichen Krankheit befallen. Es starben nun in dem selben Hause noch vier andere Personen. Das energische Einschreiten der Polizeibehörde hätte hoffen lassen, dass diese Krankheit auf dieses Haus sich beschränkt hätte, jedoch war dieses nicht der Fall. Sie trat bald darauf im Unterdorfe auf...“

„Sodann sah die Bevölkerung in dem unseren Ort zum größten Theile durchziehenden offenen Bach und in dem seit dem Jahre 1827 nicht mehr gründlich gereinigten Schloßweiher einen Grund zur Erzeugung und Verbreitung von ansteckenden Krankheiten und ersuchte die zuständige Behörde um Abhülfe dieser Übelstände ... Im Jahre 1874 wurde in unserer Gemeinde die kommunale Einkommensteuer eingeführt, der alte Bach kanalisiert...“

Ein Lied aus der Mitte des 19. Jahrhunderts über den Poppelsdorfer Bach ist amüsant; es wurde auf ein sehr patriotisches Rheinlied von Becker (um 1840) umgedichtet, das so begann: „Sie sollen ihn nicht haben, den deutschen Rhein...“. Der Verfasser des Liedes auf den Poppelsdorfer Bach bleibt anonym, sein Namenskürzel ist „M“. Ob es ein Studiosus gewesen ist?

„Sie sollen nicht den Deutschen Rhein, nicht die Mosel haben,

die Ahr nicht, die durch Felsen bricht,

ja sollen selbst erlangen nicht

den Poppelsdorfer Graben.

 

So lange seine Wellen noch auf Mühlenrädern schäumen,

und Wasser spenden jedem Haus

und endlich stürzen mit Gebraus

in die Sandkaul bei den Bäumen.

 

So lang die Kirmes lustig noch an seinem Rand ertönet

und dur’stge Bauernkehlen schrei’n

und mancher Knabe fällt hinein

und wird noch gar verhöhnet.

 

So lang an seinen Ufern noch

Studenten sich vereinen

und freu’n sich deutscher Manneszier

und freuen sich an deutschem Bier

und guten deutschen Weinen.

 

So lange deutsche Lieder dort

noch deutsche Seelen laben,

so lange wie der deutsche Rhein,

so lange soll er unser sein –

der Poppelsdorfer Graben.

Die Stelle „und Wasser spenden jedem Haus und endlich stürzen mit Gebraus“ sollte näher erläutert werden: Der Poppelsdorfer Bach hat, wie schon erwähnt, einen Teil seines Wassers der Sternenburg zugeführt, dann versorgte er den Weiher mit dem Botanischen Garten. Und eben dieses Wasser, das den Weiher füllte, musste abgeleitet werden. Es floss über Rohre zum Teil unterirdisch entlang der Poppelsdorfer Allee bis zum Haus Nummer 66. Dort trat dieses Teilwasser ans Tageslicht und wurde in ein Loch abgeleitet. Das hieß das „Quantiusloch“. Es war entstanden, als man Füllmaterial für den Damm brauchte, auf dem die Poppelsdorfer Allee den Bonner Talweg kreuzte. In diesem Quantiusloch lagen Basaltquader, die den schäumenden Wasserfall hervorriefen. Danach versickerte das Wasser im Morast, der zur damaligen Zeit sich bis in die Gegend des heutigen Bahnhofes erstreckte (Gumme). In einem Stadtplan von 1869 ist dieses „Loch“ noch vermerkt. Es lag genau der Sternwarte gegenüber in dem damals noch nicht bebauten Stück der Poppelsdorfer Allee.

Und wo blieb der ‚richtige‘ Bach? Darüber gibt eine Zeitungsannonce der „Deutschen Reichszeitung“ Auskunft:

Submission auf Erd- und Maurerarbeiten.

Die zu einer Verlegung des Poppelsdorfer Baches vom Schlossweiher bis zur Endenicher Allee erforderlichen Erdarbeiten veranschlagt zu 397 Thalern; Maurerarbeiten (Brückenbauten) veranschlagt inclusive Materiallieferung 522 Thaler 17 Silbergroschen und 6 Pfennigen sollen im Wege schriftlicher Submission in zwei getrennten Loosen verdungen werden. Zeichnungen, Kostenanschläge und Bedingungen liegen während der gewöhnlichen Büreaustunden im Büreau des Baumeisters Brauweiler am Neubau der Anatomie zur Einsicht der Submittenden bereit, und werden Unternehmungslustige eingeladen ihre Offerten schriftlich und versiegelt vor dem auf Freitag, 16. August 1872 nachm. 4 Uhr angesetzten Eröffnungstermin in dem genannten Büreau einzureichen. - Bonn, den 8. August 1872 - Der königl. Kreisbaumeister Neumann

Das bedeutet, dass der eigentliche Bach nun in festem Gemäuer dem Endenicher Bach zugeleitet wird. Sein Lauf geht entlang der heutigen Bachstraße (daher der Name) und verbindet sich danach mit dem Dransdorfer und Rheindorfer Bach, die dann gemeinsam den Rhein erreichen.

Wer Lust hast, sich den Melbbach noch einmal ursprünglich anzuschauen, ehe er im Kanal verschwindet, spaziert zum Clemens-August-Platz, überquert an der Kreuzung die Straße Am Wingert und findet auf der rechten Seite (bergaufwärts) eine kleine Brücke. Darunter stürzt der Melbbach ins Unterirdische - ein kleiner Bach mit einer großen Geschichte.


Ab hier ist es vorbei mit dem Tageslicht: Der Melbbach verschwindet Am Wingert in den Kanal.

zurück

©www.poppelsdorf.de/Redaktion

19.06.02 21:46