Das Rathaus in Poppelsdorf
Aus der SIGNAL-Reihe "ZWISCHEN MELB UND WEIHER", erschienen im Jahre 1982


Die Geschichte dieses Hauses, das immer noch groß und unbeeinträchtigt in Poppelsdorf steht, ist bunt und abwechslungsreich. Dieter Körschner vom Stadtarchiv Bonn hat sich einmal aus bestimmten Anlaß sehr detailliert damit auseinandergesetzt. Leider sind diese Ausführungen in Poppelsdorf selbst nicht so bekannt geworden, wie sie es verdienten. 1981 wurde das Haus, offiziell mit Kirschallee 23 bezeichnet, der städtischen Musikschule als zentrale Unterrichtsstätte zugewiesen. Zuvor hatten sich andere Gruppen um das Haus bemüht, auch der Ortsbund Poppelsdorf, der in ihm die gegebene Stätte für einen Treffpunkt Poppelsdorfer Bürger sah. Vielleicht sollte man diesen Plan wieder aufgreifen. Doch zunächst einen Blick in die Vergangenheit.

Vergeblich gebaut

Auch das Rathaus Poppelsdorf gehört zu denjenigen Bauten, von denen man sagen könnte: Sie sind vergeblich gebaut worden. 1896 eingeweiht, waren Sinn und Zweck des Hauses acht Jahre später bereits überholt. Die Bürgermeisterei Poppelsdorf wurde 1904 aufgelöst, Poppelsdorf selbst nach Bonn eingemeindet. Das Haus hatte seine Schuldigkeit getan, 50 000 Mark waren fast umsonst für den Bau aufgebracht worden.

Wie hatte es begonnen? Der dauernde Standortwechsel des Amtes, allein unter Bürgermeister Wilhelm Bennauer geschah es dreimal, zwang zu einer Lösung. Hinzu kam das stete Wachsen der Einwohnerzahl, vor allem nach Zuzug der Firma Soennecken und Ausbreitung der Universitätsinstitute. So erwarb denn die Verwaltung ein Grundstück für 15.000 Mark an der "Kirschenallee', Ecke Kessenicher Straße, später Sternenburgstraße. Der Standort war günstig, lag inmitten der Gemeinde und in Nähe der beiden Großbetriebe Wessel und Soennecken, der Schulen und der Kirche. Es war ein Wettbewerb für Architekten ausgeschrieben worden.

Der Architekten-Verein Berlin, so ergibt eine Meldung des Centralblatts der Bauverwaltung vom 16. Juni 1894, hat diesen Wettbewerb unter seinen Mitgliedern ausgeschrieben. Warum gerade er, darauf geben die Unterlagen keine Antwort. Berliner Architekten schienen in Bonn Mode geworden zu sein Möglicherweise gewährte Berlin den Bauten in der Rheinprovinz finanzielle Vorteile. In der Ausschreibung hieß es: "Es handelt sich um ein Kleineres, für 40 000 Mark zu errichtendes Gebäude, für das der außerordentlich niedrig erscheinende Einheitspreis von 11,50 Markt für das Cubikmeter umbauten Raumes zu Grunde zu legen ist."

 


300 Mark für den Sieger

An Preisen", heißt es in den Wettbewerbsbestimmungen, "stehen 500 Mark (!!) zur Verfügung, die in zwei Preisen, nach dem Werthe der Arbeiten, vertheilt werden sollen. Die Entwürfe müssen bis zum 20. Juli nachmittags 2 Uhr abgeliefert werden". Am 4. August 1894 meldete das Blatt, 21 Arbeiten seien für ein Rathaus Poppelsdorf eingegangen. "Die ausgesetzte Summe von 500 Mark wurde in zwei Preise von 300 und 200 Mark zerlegt. Der erste Preis wurde dem Entwurfe der Regierungsbaumeister Solf und Wichards, der zweite demjenigen des Architekten Hermann Guth zuerteilt."

Die drei Preisträger, damals in der Blüte der Jahre, blieben nicht unbekannt. Hermann
Solf, 1856 in Berlin geboren und 1909 in Jena gestorben, wie auch sein Partner Franz Wichards - 1856 in Stettin geboren und 1919 in Berlin gestorben-erwarben sich ihre Namen durch Großbauten der Wilhelma in Magdeburg und Berlin, durch das Reichspatentamt und andere. Hermann Guth, dessen Lebensdaten nicht überliefert sind, war Lehrer an der Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbeseminars. Er baute die Kreishäuser in Wesel und Celle, die Rathäuser in Tarnowitz, Stolp, Jauer, Evangelische Kirchen für St. Johann (Saarbrücken), Spandau und Plauen.

Wer von ihnen hat nun das Rathaus Poppelsdorf gebaut? Das heißt, gebaut hat es die Poppelsdorfer Firma Natter, aber von wem stammen die Zeichnungen und Entwürfe? Eines Tages wird die Frage, möglicherweise durch Zufall, gelöst sein. Gleichgültig, welche der beiden Gruppen den Bau wirklich geschaffen hat, Poppelsdorf hatte für den Rathausbau einen Architekten der in der Fachwelt einen Namen hatte.

Schlanke Gotik

Der Bau wurde 1896 fertig, zwei Jahre hatte man daran gearbeitet. Auf der Poppelsdorfer Kirmes im Juli des Jahres wurde er feierlich von der Verwaltung übernommen, nachdem zuvor der Rat der Bürgermeisterei das Gebäude eingehend besichtigt hatte. Das Mauerwerk hatte der Bauunternehmer Arnold Natter aus der Endenicher Straße 59, heute Sebastianstraße. ausgeführt, sauber und solide. Die Innenausstattung hatten zwei Betriebe übernommen, nämlich Fenster, Treppen und ähnliches aus Eichen die Firma Geuer aus Lengsdorf, Türen, Fußböden und ähnliches aus Tannen Schreinermeister Johann Tölle aus Poppelsdorf, Endenicher Str. (heute Sebastianstr. 11). Der ganze Bau solIte nach dem Willen des Bauherrn und des Architekten den Ausdruck eines alten deutschen Patrizierhauses haben, der "thurmartige Aufbau den Charakter schlanker Gothik".

Symbol Preußens

Die Umfassungsmauern sind in weinrotem Blendziegel und Haustein gehalten. Der Eingang zum Gebäude führt auf einer doppelläufigen Freitreppe von der Kirschallee in das Erdgeschoß. Über der mächtigen Türe, mit Haustein umkleidet, thronte auf einem steinernen Pilaster ein Adler, Symbol Preußens. Das Souterrain diente als Wohnung des Polizeibeamten - der damalige hieß Kohlenbach - als Wachlokal und Arreststation. "Do küste en de Blech!" Im Erdgeschoß befanden sich die Amtsräume, Gemeindekasse, Geschäftszimmer des Polizei-Kommissars, das Polizei und Meldeamt, das Steuer- und Verwaltungsbureau sowie die Registratur. Der Flurboden, bunte Mosaikplatten, gewährte Pflegeleichtigkeit. Wer zu warten hafte, für der standen im Parterre wie im ersten Stock Wartezimmer zur Verfügung.

Drei Kaisern gewidmet

Im ersten Stock befanden sich das Zimmer des Bürgermeisters, also Bennauers, das Zimmer des Beigeordneten, ein sogenanntes Commissionszimmer, und das Standesamt Prunkstück des Hauses war der große Sitzungssaal, gekennzeichnet nach außer durch drei hohe Fenster rechts oberhalb des Portals an der Kirschallee, Von ihm ist die Kassettendecke erhalten geblieben, nunmehr allerdings in Farbe. Als das Haus bezogen wurde, waren die Glasfenster in künstlerischer Gestaltung noch nicht fertig. Die drei Fenster waren den drei Kaisern des deutschen Reiches gewidmet. Das mittlere Fenster erhielt ein Medaillon mit dem Bild Wilhelms 11. Rechts davon Kaiser Friedrich (der weise Kaiser), links das Bild Wilhelms 1. (des greisen Kaisers). Um das Bild des regierenden Kaisers rankte sich Eichenlaub, um die Bildnisse der beiden anderen ein Lorbeerkranz. Auch die Oberlichter sind kunstvoll gestaltet worden. In der Mitte abermals der Reichsadler, über Kaiser Friedrich Symbole des Handels und über Kaiser Wilhelm solche der Landwirtschaft. Hierüber berichtete damals der GENERAL-ANZEIGER ausführlich. Das Atelier der Firma Wessel hat Gestaltung und Ausführung der vorwiegend im grünem Kathedralglas gehaltenen Bilder übernommen. Consul Joseph Zuntz hat sie gestiftet. Er ist Besitzer der Kaffeerösterei in der Königstraße gewesen (damals hieß dieser Straßenabschnitt Grüner Weg), Königlich-Griechischer Konsul, und wohnte in der Poppelsdorfer Allee Nr. 63. Sein Name ist im Druck gesperrt, ein gutes Zeichen seiner Wertschätzung in Bonn. Sehr stolz waren die Erbauer auch auf die Dampfheizung im gesamten Hause.

Besondere Stellung

Das Gebäude hatte und hat im Ortsbild eine besondere Stellung, Sie wird betont durch einige architektonische Akzente, mit denen der Architekt den Rechteckbau versehen hatte. Da ist einmal der im Drehpunkt der beiden Straßenabschnitte angesetzte Erkerturm. Mit seinen vier Geschossen und der aufgesetzten welschen Haube scheint er regelrecht in die Straßenflucht hineinzuspringen. Außerdem hat jeder Abschnitt des rechtwinklig angelegten Bauwerks einen hohen Treppengiebel. wovon der im Westen im Giebelfeld ein großes steinernes Medaillon mit dem preußischen Adler und der Inschrift "Bürgermeisterei - Amt Poppelsdorf" trägt. Beide Fronten hatten zusätzlich noch dekorierte Dachgauben mit vorgesetzten Schieferhelmen. Auf dem Westteil zwei Gauben, auf dem Ostteil eine Gaube. Krone des Hauses war bei der Einweihung ein stolzer Dachreiter, der nach Zeichnung des Architekten ein Glöckchen tragen sollte.

Wechselvolle Nutzung


Von diesem Zierrat ist viel verschwunden. Die welsche Haube zeigt nicht mehr die etwa zwei Meter hohe Zinkspitze (auf der Pickelhaube), die Treppengiebel haben die Wetterfahnen eingebüßt, die Dachgauben ihre vorgesetzten Schieferhelme, und der Dachreiter ist ebenfalls verschwunden. Leider haben die jetzigen sprossenlosen Fenster dazu beigetragen, den "altdeutschen Gesamtcharakter" weiter zu vermindern. Dennoch ist das Gebäude auch heute noch imposant und beeindruckend.

In der kurzen Zeit seiner echten Zweckbestimmung wurde aus der "Kirschenallee" die Rathausstraße, die aber den Namen bei der Eingemeindung mit dem ehemaligen wieder tauschen mußte. Bezeichnenderweise war auch dieses Haus schon nach einem Jahr zu klein,

In das Haus kamen 1904 verschiedene städtische Instanzen, wie Zahlstelle für die Stadtkasse, Standesamt Bonn-West und Polizeiwache Bonn-West. 1907 richtete die Städtische Sparkasse Bonn eine Zweigstelle im Hause ein. Aber das waren nur vorübergehende Nutzungen. Zum Schluß blieben vor und nach dem ersten Weltkrieg nur das Polizeikommissariat 111 und zwei Dienstwohnungen. Ab 1927 wurde Mütterberatung im Hause abgehalten, 1935 erhielt der Luftschutzbund einen Raum.

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Polizeiwache weiterhin in Hause, zeitweise gemeinsam mit drei Familien aus der ausgebombten Innenstadt. 1953 wurde die Polizei, bisher städtisch, vom Land Nordrhein-Westfalen übernommen, aber das Gebäude an der Kirschallee wurde noch zehn weitere Jahre von der Polizei genutzt. 1961/62 benutzte die Fördergemeinschaft "Kinder in Not" vorübergehend Räume des Hauses. Im Juni 1963 wurde die Polizeiwache endgültig aus dem Hause genommen. Wieder mußte nach einer gründlichen Modernisierung eine Behörde hinein, das Straßenverkehrsamt. Doch auch seines Bleibens war nicht lange. 1969 kam das Straßenverkehrsamt im Zuge der Verwaltungsneuordnung an eine andere Stelle. Abermals zog ein Teil der Stadtkasse Bonn in das Haus Kirschallee 23. Grundbesitzabgaben, Gewerbesteuer, Lohnsummensteuer und andere wurden dort von 1970 bis 1978 bearbeitet. Dann wurde das Haus wiederum frei, worauf der Rat der Stadt Bonn im September 1978 beschloß, hier die zentrale Unterrichtsstätte der städtischen Musikschule für den Schulbezirk Bonn-Mitte unterzubringen. In der Zeit bis zur Ausführung dieses Beschlusses probte das Theater der Jugend im Hause. Im November 1981 zog dann die Musikschule in das Haus ein.

Allerdings sind den Vereinen in Poppelsdorf Nutzungsrecht verschiedener Räumlichkeiten und eine Art Geschäftszimmer zugesichert worden. Diese Rechte wollen wir nutzen, denn schließlich ist das Haus einmal für uns Poppelsdorfer Bürger errichtet worden und sollte uns auch weiterhin zur Verfügung stehen. (1982)

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03.06.01 19:21