Von der
Poppelsdorfer Kirmes und den Pfarrfesten
Aus der SIGNAL-Reihe "ZWISCHEN MELB UND
WEIHER", erschienen in 1983
Warum sind jüngere Poppelsdorter so erpicht darauf, von der Poppelsdorfer Kirmes anno dazumal zu hören? Gegenüber dem, wie sie sich heute präsentiert, war sie, wenn man so will, ein Volksfest für ganz Bonn.
Warum das so war, dafür gibt es mehrere Gründe. Das Fest der heiligen Margarethe - der Margarethe mit dem Wurm, wie sie auch genannt wird - fällt auf den 13. Juli. Der diesem Datum zunächst liegende Sonntag ist der Kirmessonntag. Nun gibt es in Bonn-Stadt keine Margarethenkirche, wo die Heilige besonders verehrt werden konnte. Und man brauchte sie doch so dringend, denn gerade ihr Namenstag gehörte zu den wichtigen Terminen im ländlichen Jahr. So erflehte man zum Margarethentag mit heißen Herzen gutes Wetter. Regnete es an diesem Tage, war der Sommer dahin. Vielerorts hatte die Getreideernte bereits begonnen, und die Landwirte konnten daran denken, die Pachten zu bezahlen.
In Poppelsdorf wurde diese Heilige verehrt, also ging man zu Zeiten, als das bäuerliche Geschehen noch weitgehend den Jahresrhythmus bestimmte, nach Poppelsdorf, wo ihr zu Ehren an diesem Tage - und nicht auf Sebastian, dem Patron der Kirche, dessen Fest in den Winter fiel - Kirmes gehalten wurde. Die Poppelsdorfer waren hierfür immer gerüstet. Bis zum Ersten Weltkrieg gab es noch Weinberge in der Gemarkung, Getreideanbau und Obst. Berühmt war die Poppelsdorfer Schwarze, eine besonders große, dunkelrote und saftige Kirsche, deren Bäume an den Hängen des Venusbergs und des Kreuzbergs in den ortsnahen Gärten standen. "Vor Jahrzehnten standen an der heutigen Sternenburgstraße die großen Kirschenplantagen", heißt es in einem Bericht.
16 Festsäle im Ort
Poppelsdorf hatte aber auch noch andere Vorzüge, die es zum Anziehungspunkt machten. Zeitweise besaß der Ort 16 Säle und 33 Gastwirtschaften. Da konnte jeder auf seine Kosten kommen, wozu die soziale Ausgewogenheit hinzutrat. Die Arbeitsleute der großen Firmen Wessel und Soennecken, die vielen Handwerksbetriebe und auch noch bäuerliche Anwesen, die Studentenverbindungen mit ihren Stammlokalen und Verbindungshäusern bildeten das Publikum.
Wer von der Stadt aus die Allee zum Schloß hochging, der konnte gleich am Ende der Allee rechterhand im Saale Lücking - heute Ecke Poppelsdorfer-Meckenheimer Allee - einkehren, wo es bis in den letzten Krieg hinein Münchener Bier gab, das im kühlen Raum des Souterrains besonders gut schmeckte.
Die Linie 4
Für Eilige und passionierte Trambenutzer stand die Straßenbahn zur Verfügung, die sich bis ins Herz der Poppelsdorfer Vergnügungswelt vorbimmeln konnte. Ihre Wendestelle lag ja am heutigen Klernens-August-Platz. Vor allem konnte man gegen Abend, nach Geschäftsschluß, schnell nach Poppelsdorf kommen, um bei Verwandten ein gutes Abendessen zu erhalten, und dann mit auf den Kirmesball zu ziehen. Denn bis zum Kriege, ja bis zu Beginn der 60er Jahre, gehörte es auch zu unserer Tradition - wie auf den Dörfern vielfach noch heute -, Verwandte und Freunde von auswärts einzuladen und sie mit dem Besten zu bewirten; was Küche und Keller zu bieten hatten.
Am Sonntagvormittag war das große Hochamt mit Aufmarsch der Schützen und Vereinsabordnungen. Der kirchliche Ehrgeiz ging dahin, ein "Dreiherrenamt" zu zelebrieren, um auf diese Weise die hohe Stellung des Tages im Kirchenjahr zu bezeugen. Der Kirchenchor hatte eine neue Messe einstudiert, und die gesamte Meßdienerschar war aufgeboten worden. Erst nach dem festlichen Gottesdienst war der Weg zum Kirmesplatz frei.
Zwar hätte die Jugend in den Tagen vorher den Schausteller geholfen, ihre Schießbuden, Karussells und Schiffsschaukeln aufzuschlagen in der Hoffnung, einige Male umsonst schießen, fahren oder schaukeln zu dürfen, aber der eigentliche Beginn der Kirmes war der Sonntagmorgen nach dem Hochamt. Da wurde man zu Hause ermahnt:
Es schickt sich nicht, vor der Kirche
dorthin zu gehen." Aber Jungen wie Mädchen versuchten doch immer wieder, einen Blick
hinter die zeltplanverhangenen Fassaden der Stände und Vergnügungen zu tun. Vereine
luden zum Ball
Dabei hatten am Abend vorher bereits in den Sälen an der Klemens-August-Straße und an der Sternenburgstraße zahlreiche Bälle stattgefunden, zu denen die Vereine einluden. Der "Männergesangverein Liederkranz" ging um die Jahrhundertwende zum Beispiel in den Saal Scheiden im Wirtshaus "Zu den hl. Drei Königen", Klemens-August- Strasse 64. Das Haus; über dessen
Eingang verblassender Schrift der Hausname zu lesen war, ist leider gleich in den ersten Tagen der sogenannten Sanierung zum Opfer gefallen. Im Jahre 1904 allerdings hatte der "Liederkranz" Ärger. Sein Vorsitzender, .Johann Liermann, erhielt nämlich seitens der Stadt ein Schreiben zugestellt: Man habe vergessen, die Lustbarkeitssteuer zu zahlen. Was tat Herr Liermann? Er antwortete: Bis dahin habe man die Steuer immer an die Gemeinde entrichtet und nun einfach vergessen, daß Poppelsdort eingemeindet worden sei.
Es gab viele andere Vereine, deren Stammlokalschilder dem einen oder anderen Mitbürger noch in Erinnerung sind. Da gab es die Gesellschaft "Gemütlichkeit". den Poppelsdorfer Quartett-Verein, den Junggesellenverein "Freundschaftsbund". eine Gesellschaft "Fidelio" und einige, über die bei Gelegenheit mehr zu berichten ist.
Der Paijass
Eine besondere Rolle spielten die Junggesellenvereine, deren letzter noch nach dem Kriege in Poppelsdorf hoch in Ehren stand. Sein Anteil an der Ausgestaltung der Kirmesfeiertage war im rheinischen Raum immer sehr groß. Ohne die Junggesellen lief wenig.
Als die "Bonner Rundschau" am 30. April 1954 klagte, wohin denn der Kirmesplatz in Poppelsdorf zu liegen komme, wenn die B 9 durch die Klemens-August-Straße liefe, standen die Junggesellen dahinter, die auf Ihrem Vergnügungsplatz beharrten. Schließlich läuteten sie mit der feierlichen Inthronisation des "Zacheies" oder auch "Paijass" an der Fassade des Stammlokals die Kirmes ein und sorgten mit Fähndelschwenken und Aufmärschen der "Knüppelchensmusik" (Tambourkorps) für die festlichen Einlagen.
Die ausgestopfte Figur des "Paijass" (aus dem französischen Wort für Strohschütte) war bei uns bereits vor dem Kriege etwas aus der Mode gekommen. Aber das Fähndelschwenken blühte noch. Unser verehrter, ehemalige Mitbürger Josef Ludwig berichtet, ein Schenken vor den Belegschaften von Soennecken und Wessel habe immer tüchtig was in die Kasse der Junggesellen gebracht. Darauf habe auch die Firmenleitung Wert gelegt.
Die Junggesellen luden vor allem befreundete Vereine von außerhalb ein, mit deren Fähndelschwenkern sich die eigenen vor den Augen einer strengen Jury nach allen Regeln der Kunst maßen.
Schließlich sollte nicht übersehen werden, daß gerade die Kirmes mit ihren Festivitäten als eine Art Heiratsvermittlung anzusehen ist. Ein Blick in die tägliche Zeitung zeigt dem Leser an, wie viele Gold- und Silberhochzeiter sich gerade bei der Kirmes kennengelernt haben.
Haut den Lukas!"
Ohne Zweifel hat die Poppelsdorter Kirmes, wie manche andere auch, durch den Verlust eines Platzes und auch der Säle an Anziehungskraft verloren. Lange Jahre half man sich mit der Ausdehnung über mehrere Straßen. Kekuléstraße, Klemens-August-Straße und-Platz dienten als Stellfläche. Da gab es die Karussells, die Autoselbstfahrer, die Schieß- und Losbuden. Wer seine Kräfte zeigen und messen wollte, für den gab es den "Lukas". "Haut den Lukas" hieß es dort für die starken Männer. Das "Hänneschentheater" durfte ebenso wenig fehlen , wie die "Rievkoochebud", die Wahrsagerin oder die Drehorgel.
Düfte und Geräusche lagen über dem Kirmesplatz, von dem die Kinder abends nur sehr schwer nach Hause zu kriegen waren. Diese bunte Welt mit Luftballons, exotisch gekleideten Schaustellern, den starken Männern, die mit den Zähnen einen Lastwagen über die Bretter zogen, mit der Miss Colossa, einer schwergewichtigen Frau, und dem türkischen Honig oder dem amerikanischen Zucker (Zuckerwatte), dessen Gespinst aus einer länglich-grauen Tüte genascht wurde - das alles bewog, so lange zu bleiben, wie möglich. Drei Tage dauerte das Fest, dem sich oft genug am folgenden Sonntag als Kehraus die Nachkirmes anschloß.
Verweltlichung
Platzmangel, Überfülle des Angebots, verlorengegangener Familiensinn, nicht zuletzt aber auch die absolute Verweltlichung führten zur Einrichtung der Pfarrteste. Gerade den Pfarreien der christlichen Konfessionen mußte daran gelegen sein, die Festesfreude zu nutzen.
Wenn es gelang, die Pfarrkinder näher zusammenzuführen, dann war viel erreicht. Schließlich war die Kirmes ursprünglich ein Fest der Pfarrgemeinde zum Andenken an die Kirchweihe. Katholiken und Protestanten haben den Sinn gleich erfasst und die gebotene Gelegenheit wahrgenommen.
Mit Verwunderung kann man da
feststellen, wie viel Erfindungsreichtum und Phantasie in einer
Gemeinde zu Hause sind. So wie vor Jahrhunderten die Kirmessen (Kirchmessen) und
Kirchweihen entstanden sind, entwickeln sich nunmehr vor unseren Augen die Pfarrfeste.
Alle Gruppen und Vereine, die es in einer Pfarrei gibt, wetteifern in der Ausgestaltung
des Tages. Die Kosten müssen niedrig gehalten werden, damit auch die weniger Begüterten
daran teilnehmen können.
Und wenn früher der Pate oder die Jot (Patin) kam und drückte dem Kinde einen Groschen oder gar 50 Pfennige in die Hand, dann stand die Welt offen. Das Kirmesgeld gehörte schließlich auch zum Fest. Unsere Kinder allerdings kämen mit solchen Beträgen nicht mehr zu ihrem Vergnügen. Für zehn Pfennige gibt es nicht mal mehr ein Eis, geschweige einen Luftballon. Und der flog meistens noch aus der kleinen Hand flupps weg oder platzte, was eine große Flut von Tränen zur Folge hatte.
Aber schließlich kam im nächsten Jahr wieder die Kirmes, wie heute auch das Pfarrfest. (1983)
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Wann in diesem Jahr Kirmes und Pfarrfest stattfinden erfahren Sie unter Termine in Poppelsdorf
13.02.01 22:42