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Der folgende Artikel ist in der Ausgabe November/Dezember 1974 erschienen:


Kopie eines berühmten Kunstwerks:

Die Kreuzigungsgruppe von St. Sebastian

Als der Chorraum in der Poppelsdorfer Pfarrkirche vor Jahren verändert wurde, ist die bis dahin den Raum beherrschende Kreuzigungsgruppe dem Blick der Kirchenbesucher entrückt worden. Im Zuge der Umgestaltung des Kircheninnern soll sie jetzt wieder in der Apsis Aufstellung finden, hinter dem Altar. SIGNAL gibt seinen Lesern eine kunstgeschichtliche Betrachtung dieser nach einem berühmten Vorbild geschaffenen Figurengruppe.

Die Kreuzigungsgruppe in St. Sebastian ist eine Kopie der berühmten Kreuzigungsgruppe aus der Schloßkirche zu Wechselburg in Sachsen, die ehemals ein Augustiner-Chorherrenstift war, Sie gehörte ursprünglich zur Lettneranlage der Wechselburger Kirche und hat eine Höhe von 5 Metern. Die Beifiguren, Maria und Johannes, sind 2,20 m hoch. Geschnitzt ist die ganze Gruppe aus Eichenholz. Ihre Herstellung datiert um 1230-40. Den Künstler haben wir in der damals in Sachsen berühmten Freiberger Domwerkstatt zu suchen.

Vor allem kunstgeschichtlich ist die Wechselburger Kreuzigungsgruppe von hoher Bedeutung, weil sie das erste erhaltene Stück dieser Art ist, das den Übergang vom romanischen Vier-Nagel-Typus zum gotischen Drei-Nagel-Typus zeigt. Während in der Romanik beide Füße des Gekreuzigten nebeneinander und einzeln angenagelt dargestellt wurden, so daß der Kruzifixus an Händen und beiden Nägeln befestigt war, wird zum ersten Mal beim WechseIburger Kreuz die Annagelung der Füße mit einem einzigen Nagel vollzogen, was nur durch das Aufeinanderlegen der Füße möglich war.

Wechselburger Kreuzigungsgruppe


Der Künstler war zweifellos in seiner Zeit ein moderner Mensch und suchte, wahrscheinlich auch aus einer sich wandelnden Frömmigkeitsauffassung inspiriert, neue Ausdrucksformen bei der Darstellung des Gekreuzigten.

Durch das Aufeinanderlegen der Füße löste er erstmalig in der Kunstgeschichte den Leib des Angenagelten aus der romanischen Starrheit und brachte ihn in eine stärkere Bewegtheit und Drehung. Durch die starke Neigung des Kopfes - zusammen mit der seufzenden Öffnung des Mundes ein Zug des Leidens und Sterbens und durch die Herauswölbung der Hüfte ergab sich eine S-förmige Biegung des Körpers, die durch die künstlerische Entscheidung für den Drei-Nagel-Typus möglich wurde. Die vermenschlichende Darstellung des sterbenden Christus am Kreuz, die in der Gotik eine Hochblüte erreichte, begann mit der Wechselburger Darstellung. Auch im Faltenwurf des jugendlichen Johannes läßt sich bereits die gotische Heiligenstatue in vollplastischer Auffassung ahnen.

Die bis dahin "stehende" Haltung des Gekreuzigten nahm erstmals mit denn Drei-Nagel-Typus der Wechselburger Kreuzdarstellung den zwingenden Eindruck des Hängens an. Als zweites Mittel, das Martyrium darzustellen, erscheint zum ersten Mal beim Wechselburger Kreuz die Dornenkrone auf dem Haupt des Gekreuzigten.

Hinzu kommt noch, was an unserer Kopie fehlt, die Darstellung der Dreifaltigkeit im Original der Wechselburger Kreuzigungsgruppe. Denn am Abschluß des Längsbalkens zeigt das Original eine Halbfigur von Gottvater mit Taube im Christustypus. Am Fuße des Kreuzes ist Adam dargestellt, was auf die Sage zurückzuführen ist, daß das Kreuz Christi auf Golgatha an der Stelle errichtet worden sei, wo Adam begraben wurde. Wir finden statt dessen auf manchen Kreuzen die Darstellung des Totenkopfes, die ihre Erklärung in der selben Sage findet. Der Querbalken des Wechselburger Kreuzes wird an den Seiten von zwei Engeln getragen, in deren Gesichtszügen sich, wie bei Maria und Johannes, das Leiden Christi widerspiegelt. Und endlich stehen in der Originalgruppe Maria und Johannes auf zwei kauernden Königen, die das überwundene Heiden- und Judentum verkörpern.

Auch die Kopie hat ihren Wert

Natürlich gibt die Kopie in der Poppelsdorfer Pfarrkirche - nicht nur wegen der fehlenden Details - nicht restlos befriedigend das Original wider. Besonders auffällig wird das in der Kopie des Johannes, der etwas töricht dreinzuschauen scheint, während das Original einen nachdenklich trauernden Johannes darstellt. Im übrigen aber hat auch die Kopie ihren Wert, zumindest für uns und unsere Kirche. Sie wurde 1876 in Köln aus Pappelholz geschnitzt, während das Original, wie schon erwähnt, aus Eichenholz ist. Pfarrer Stöcker konnte sie 1942 von der Pfarrkirche St. Maria im Kapitol in Köln erwerben, und zwar zur Anerkennungssumme von 1000 RM - ein Preis, der gewiß schon damals in keinem Verhältnis zum wirklichen Wert der Kopie stand. Allerdings verdankt die Kopie dem damaligen Besitzerwechsel wahrscheinlich ihre Weiterexistenz, denn vier Wochen nach ihrem Erwerb durch unsere Gemeinde brannte die Kirche Maria im Kapitol in Köln aus.

Pfarrer Stöcker hatte immer ihre endgültige Aufstellung im Chorraum unserer Kirche geplant. Allerdings erwiesen sich angesichts der Wucht und Größe der Kreuzigungsgruppe (der Korpus allein wiegt 6 Zentner und jede Figur 4 Zentner) bei den bisherigen Versuch die Fenster als störend, so daß bei der provisorischen Umgestaltung des Chorraumes das Kreuz entfernt wurde und im Seitenschiff der Kirche, in den Proportionen unschön verkürzt, Aufstellung fand.

Durch die auch von den Konzilsdekreten gewünschte Trennung von Hoch und Sakramentsaltar bietet sich bei der vorgesehenen Renovierung der Kirche nun eine Lösung an, die, ohne Veränderung der Chorfenster, eine befriedigende Aufstellung der Kreuzigungsgruppe im Chor ermöglicht und dadurch der wertvollen Kopie des Wechselburger Kreuzes wieder den Platz gibt, der am sinnvollsten ist: hinter dem Zelebrationsaltar, auf dem das Leiden des Gekreuzigten geheimnisvoll präsent wird, das in der Gruppe so eindringlich zur Darstellung kommt.


Informationen zur Kirche St. Sebastian

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03.06.01 19:42