Clemens-August-Straße
In
der Vorbereitung zu diesem Artikel hat sich der Chronist bei berufener Stelle
informiert. So sollte die Frage geklärt werden, welche Bezeichnung die heutige
Clemens-August-Straße früher hatte. Die überraschende Antwort war: „Die hieß
schon immer so.“ Dem ungläubigen Staunen gesellte sich ein etwas mokantes Lächeln
zu, denn wie soll man das verstehen? Die Straße gab es ja schon vor dem
Regierungsantritt des Kurfürsten und Erzbischofs von Köln, Clemens August, der
1723 hier seine Residenz antrat. Der Straßenname konnte also zu dieser Zeit
noch nicht gegeben worden sein, weil die Leute diesen Kurfürsten noch nicht
kannten.

Als es noch keine Oberleitungen gab, fuhr die Pferdebahn durch
Poppelsdorf.
Die Ansichtskarte zeigt den Jägerhof im Hintergrund
In
Poppelsdorf jedoch gab es damals praktisch nur eine große Straße - sicherlich
noch ohne Hausnummern. Auch die Zahl der Einwohner war gering. So zählte der
Ort noch im Jahre 1816 gerade einmal 136 Menschen. Jeder kannte jeden, konnte
genau beschreiben, wo der gewünschte Bewohner zu finden war. Und Post wurde
auch nicht ausgetragen, es gab sie noch nicht in unserem Sinne. Wer mochte wohl
auch die nötigen Kenntnisse im Lesen oder Schreiben aufweisen?
So
ist es gut möglich, dass unsere heutige Clemens-August-Straße noch ihren
ersten Namen trägt. Allerdings wurde er unterschiedlich geschrieben. In den
Jahren um 1950 zeigten die Straßenschilder „Klemens-August-Straße“,
so wurde es auch in der Schule gelehrt. Heute nun hat man sich schon seit vielen
Jahren auf die ursprüngliche Schreibweise besonnen, die ja auch mit den
Initialen „C&A“ übereinstimmt.

Auf der Postkarte von etwa 1900 ist das Gasthaus zu den Hl. Drei Königen
abgebildet
Die
Clemens-August-Straße war schon seit je her die Hauptschlagader des Ortes. Das
beweisen vor allem die alten Karten und Stadtpläne. Da ist deutlich zu sehen,
wie sich die meisten Häuser entlang der Straße ansiedelten, also ein Straßendorf.
Weiterhin kann man erkennen, wie der Poppelsdorfer Bach sich einmal links und
einmal rechts an dieser Straße entlangschlängelte. Ein alter Stadtplan aus dem
Jahre 1873 hat selbstverständlich den Straßenzug unserer Clemens-August-Straße
eingezeichnet, aber einen Straßennamen findet man nicht, obwohl es vom Jägerhof
an auf Bonn zu Meckenheimer Straße heißt.
Die
Geschichte sagt weiter aus, dass diese Straße zur Römerzeit eine wichtige
Militär- und Handelsstraße mit strategischer Bedeutung war, denn sie stellte
eine Ost-West-Verbindung dar und hatte von hier aus das Ziel Eifel, Mosel und
Trier. Deshalb ist zu verstehen, warum die Straßenfortsetzung Triererstraße
heißt. Von Osten her, also aus Richtung der heutigen Stadt, schuf diese Straße
eine Verbindung zum römischen Legionslager. Allerdings ist die heutige
Meckenheimer Allee, die im 19. Jahrhundert noch Meckenheimer Straße hieß, eine
Anlage aus der kurfürstlichen Zeit. Auf ihr sollte der Verkehr für Fuhrwerke
und Fußgänger aufgenommen werden, damit die Poppelsdorfer Allee ausschließlich
für den Landesherrn reserviert war.
Im
Laufe der vergangenen Jahrhunderte hat die Clemens-August-Straße allerlei
Schicksalsprüfungen erlitten: Pest, Brandschatzung und Plünderungen,
Trockenzeiten, Überschwemmungen und eiskalte Winter. Sie erlebte - natürlich
mit ihren Bewohnern - den Niedergang der kurfürstlichen Pracht, denn es wohnten
hier viele der Bediensteten. Das Wasserträgerhaus von 1750 ist das letzte
Beweisstück für die Baufürsorge der Kurfürsten, die eine ganze Reihe ähnlicher
Häuser für ihre Dienstleute hier bauen ließen. Dann marschierten die
Revolutionstruppen Napoleons ein. Das Dorf verarmte. Die Neuordnung unter den
Preußen ließ hoffen. Mit der Universität erwachte wieder das Leben.
Aus
dieser Zeit, um 1830, finden wir auf einem Bild den Vorläufer des sagenhaften Jägerhofes,
der in der folgenden Zeit manche Veränderung erlebte. Für die
Clemens-August-Straße begann ein „Wirtschaftswunder“. Ganz alte Adressbücher
weisen sage und schreibe 17 Wirtschaften auf. Sie stillten den Durst nach Wein,
Bier und Geselligkeit - nicht nur der Einheimischen, sondern auch der immer
zahlreicher auftauchenden Studenten und der Soldaten, die in der Ermekeilkaserne
stationiert waren.
Kurz
nach der Eingemeindung bot die Clemens-August-Straße ein wechselvolles Bild.
Neben den Kneipen gab es am Ortseingang das Café Stockamp auf der linken Seite.
Etwas weiter rechts lag versteckt das Bethaus der jüdischen Gemeinde. Hohe
Schornsteine warfen Qualm und Ruß aus der Manufaktur Wessel in den Himmel.
Kleine Handwerksbetriebe existierten ebenso wie die Geschäfte des täglichen
Bedarfs, die Kolonialwarenläden und die kleinbäuerlichen Anwesen, die meist im
Nebenerwerb betrieben wurden.

Heute nur noch Erinnerung: die Glaserei Schäfer. Die Tochter des Meisters
lebte bis 1977 im Haus 36
Dann
verdüsterte der Erste Weltkrieg den Himmel, auch über der Clemens-August-Straße.
Eindrucksvoll schreibt Anna Kohns in ihrem Tagebuch, was sie in diesem Krieg
erlebte und dachte, der mit Hurra begann und in Tränen endete. Sie lebte bis
1977 im Hause Nummer 36. Anna war die Tochter des Glasermeisters Schäfer. 1926
brannte die Firma Wessel total nieder, erholte sich nie mehr zu früherer Blüte.
Nach
der Wirtschaftsflaute und Inflation kam allmählich wieder etwas Wohlstand in
die Straße. Man besann sich auch aufs Feiern. So wurde die traditionelle
Poppelsdorfer Kirmes wieder zum Anziehungspunkt für Ströme von Besuchern.
Manchmal gab es einen handfesten Krach, das tat aber der guten Laune keinen
Abbruch. Krach machte auch die Straßenbahn, die bis zum Triererplatz fuhr, um
dort per Rangieren zu wenden. Ihre Vorgängerin, die Pferdebahn, bog damals am Jägerhof
links ab und erreichte den Jagdweg über die Kirschallee. Erst war es die
Elektrische Linie 4 vom Venusberg (Argelanderstraße) über den Kaiserplatz,
durch die Poppelsdorfer Allee bis zum Triererplatz. Später hatte diese Linie
ein gelbes Schild mit der Nummer 5. Nach dem Zweiten Weltkrieg fuhr durch die
Clemens-August-Straße ein O-Bus bis zu den Kliniken.
Dann
kam die Sanierung und die Unterquerung der Autostraße. Viele sichtbare
Erinnerungen sind untergegangen. Wer kann sich heute noch das „UT“-Kino
vorstellen oder „Et Stief-Eck“? Ganz zu schweigen von den „Heiligen drei Königen“:
Von der alten Kapelle an der Kreuzung Endenicher Weg (Sebastianstraße) und
Kessenicher Weg (Sternenburgstraße) finden wir nicht einmal mehr eine
Hinweistafel. Es gibt nur einige Ansichten im Museum (Sternenburgstraße 23,
Schule).
Heute
ist unsere Hauptstraße wieder eine pulsierende Ader, oft für den
Durchgangsverkehr zu eng. Mit brausendem Leben füllt sie sich jedes Jahr beim
Straßenfest. Der Einsatz des Ortsbundes dafür tut der Straße sichtlich gut.
Vielleicht gelingt es auch, die Kirmes hier wieder blühen zu lassen. Dann können
wir wieder mit Recht sagen: „Die Clemens-August-Straße ist die Straße, in
der wir leben und feiern.“
28.04.02 20:42